Ein Feldherr zwischen Verehrung und Verachtung

18.10.2017
Gesekes Bürgermeister Dr. Remco van der Velden (l.) bedankte sich bei Referent Hans-Peter Boer für die Vorstellung der aktuellen Forschungsergebnisse zu Christian von Braunschweig.
Gesekes Bürgermeister Dr. Remco van der Velden (l.) bedankte sich bei Referent Hans-Peter Boer für die Vorstellung der aktuellen Forschungsergebnisse zu Christian von Braunschweig.

"Christian von Braunschweig war wie eine Kerze, die an beiden Seiten brannte", fasste Hans-Peter Boer seinen Vortrag zusammen. Nicht umsonst wird der Halberstädter vom hiesigen Volksmund auch "der tolle Christian" genannt. Boer, Buchautor und ehemaliger Kulturdezernent der Bezirksregierung Münster, präsentierte seine Forschungen zum Feldherren, der im Jahre 1622 erfolglos die Stadt Geseke belagert hatte.

"Vielleicht haben Sie in Geseke ein anderes Bild von Christian von Braunschweig. Ich möchte Ihnen heute berichten, welches Bild er in der Forschung hat", wandte sich Boer gleich zu Beginn an die rund 75 Besucher, die den Weg in den Veranstaltungsraum der Sparkasse gefunden hatten. "Christian hat sich sicherlich nicht anders verhalten, als seine Widersacher der Zeit. In der hiesigen Region wird er dennoch sehr negativ bewertet. In den Erinnerungen war er ein Großmaul, vollzog brutale Methoden und stand unverbrüchlich zur Sache der protestantischen Union", führte Boer aus. "Aber fahren Sie einmal nach Wolfenbüttel, wo er beigesetzt wurde. Da wird er regelrecht verehrt. Denn er war auch ein fähiger Offizier der Kavallerie, ein begeisterter Troupier, ein guter Stratege, Logistiker und Planer."

Um besser verstehen zu können, welche Motive und Beweggründe Christian zu seinen Feldzügen angespornt haben, richtete Hans-Peter Boer zunächst einen Blick auf die Familienverhältnisse des adeligen Sprösslings. "Christian gehörte zur absoluten europäischen Upper-Class", so Boer. So gab es eine direkte verwandtschaftliche Verbindung zum Königshaus von Schottland und England, zudem war sein Onkel mütterlicherseits König von Dänemark. "Auch wenn Christian im großen Krieg nur eine Randerscheinung darstellt, ist er schon aufgrund seiner Herkunft eine Person, bei der es sich lohnt, sich mit ihr zu beschäftigen", erklärte Boer. "Verschiedene Köpfe haben verschiedene Meinungen zu Christian. Fakt ist, dass Christian von Braunschweig bis etwa 1930 immer wieder Gegenstand der Forschung war. Danach enden die Forschungen relativ abrupt, da es nach dem Zweiten Weltkrieg unpopulär war, zu kriegerischen Helden der Geschichte zu forschen", erläuterte der Fachmann. "Erst mit der Restaurierung der Fürstengruft in Wolfenbüttel, in der Christian beigesetzt ist, beginnen die Forschungen im Jahre 1996 aufs Neue."

Die Bereitschaft Christians für die protestantischen Interessen in Europa auch kriegerisch auf dem Schlachtfeld einzustehen, ist unweigerlich mit Friedrich V. von der Pfalz verbunden, der als so genannter "Winterkönig" in die Geschichte einging. Protestant Friedrich wurde 1619, also kurz nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges, zum König von Böhmen gewählt, erlitt aber nur ein Jahr später eine vernichtende Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg gegen die katholische Liga.

Neben religiösen Motiven ist es vor allem auch eine innere Verehrung, die er für eine Frau hegte, die Christian in seinem Tun bestärkte. Denn Christian schwärmte für Elisabeth Stuart, die einzige Tochter des englischen, schottischen und irischen Königs Jakob I. Elisabeth war allerdings seit 1613 mit Friedrich V. verheiratet. Trotzdem zierte stets ein Schriftzug die Kriegszeichen und Fahnen des christianschen Heeres: "Pour Dieu et pour Elle" (Für Gott und für Sie). "Die Forschung ist sich heute sicher, dass es sich bei der erwähnten Dame um Elisabeth Stuart handelt", so Boer.

In Geseke ist Christian von Braunschweig vor allem durch seine Belagerung im Jahr 1622 im Gedächtnis. Nicht zuletzt der Film "Sturm auf Geseke", der zum diesjährigen Stadtjubiläum gedreht wurde, beschäftigt sich mit diesem Teil der Stadtgeschichte. "Es ist wichtig, dass Städte so etwas im Gedächtnis behalten", urteilte Hans-Peter Boer. "Schließlich finden wir bis heute noch eine Art ritualisierte Dankbarkeit", so Boer in Anspielung auf den Geseker Lobetag, der seinen Ursprung im Sieg über den "tollen Christian" hat. "Die Belagerung und Eroberung Gesekes durch die Hessen im Jahre 1633 ist hingegen in den Erinnerungen der Geseker nicht so präsent", so Boer mit einem Augenzwinkern.

Nach dem Abzug Christians von Braunschweig aus der hiesigen Region, pflastern verschiedene Misserfolge seinen Weg. Nennenswert ist hier die Schlacht bei Fleurus (in Brabant). Hier traf Christian auf spanische Truppen. Zwar gelingt letztlich der Durchbruch durch die spanischen Reihen und die Rettung in die Niederlande, Christian wird allerdings von einer Kugel im linken Arm getroffen. Eine Amputation des Arms ist daraufhin unvermeidlich. Nach Monaten der Qual und Genesung sendet Christian in Form neugeprägter Münzen einen "Gruß" an seine Widersacher: So ziert der Schriftzug "Altera restat" (Der andere ist noch dran) die Münzen in Anspielung auf den noch vorhandenen rechten Arm, den er weiterhin gegen seine katholischen Feinde einsetzen werde. Am 6. August 1623, in der Schlacht bei Stadtlohn, wird Christians Heer jedoch letztlich fast vollständig vernichtet, er selbst kann sich mit wenigen Überlebenden retten.

"Christian ist stets großes Risiko bei seinen Unternehmungen eingegangen", attestiert ihm Hans-Peter Boer. "Vor allem aber hat er seine eigenen Subsidien der Sache geopfert." Vieles, was heute über Christian von Braunschweig bekannt ist, könne man getrost unter dem Punkt Propaganda abheften oder aber auch neudeutsch als Fake News betiteln. Der Räuber, Mörder und Vergewaltiger, als der Christian oft dargestellt wird, sei er jedenfalls nicht gewesen.

Vielmehr, so verriet Boer, müsse weiter geforscht werden. Auch, um herauszufinden, was Christian schon in jungen Jahren dazu gebracht hat, sich so für Militär und Krieg zu faszinieren. "Ich halte es für möglich, dass Christian an dem Syndrom litt, das wir heute als ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) kennen", vermutet Boer. "Um eine solche Frage beantworten zu können, müssten aber noch viele Quellen aus Christians Kindheit geprüft werden", sieht sich Boer noch nicht am Ende seiner Forschungsarbeit.

In einem kurzweiligen Vortrag schilderte Hans-Peter Boer seine Forschungsergebnisse zum "tollen Christian".
In einem kurzweiligen Vortrag schilderte Hans-Peter Boer seine Forschungsergebnisse zum "tollen Christian".

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