"Mythos Stein"

Themenpark der Firma Dyckerhoff GmbH

Themenpark "Mythos Stein"
Themenpark "Mythos Stein" der Firma Dyckerhoff GmbH (Foto: M. Raker)

Intensives Farbenspiel und einzigartige Blickwinkel

Mit dem Themenpark "Mythos Stein" hat die Dyckerhoff GmbH 2012 der Öffentlichkeit eine 7 ha große und bereits renaturierte Teilfläche ihre Steinbruchs Fortuna zugänglich gemacht. Einzigartig für die Region ist der gleichzeitige Einblick in einen aktiven Steinbruch. Die Besucher können so die Tätigkeiten zur Gewinnung des Kalksteins von der Sprengung über die Verladung bis zum Transport des Rohmaterials zum benachbarten Zementwerk aus sicherer Position betrachten.

Das Gelände und die 750 m lange Zugangsrampe sind gut begehbar. Neben dem beeindruckenden Landschafts-Panorama mit weiten Blicken ins südliche Münsterland, dem intensiven Farbspiel der bis zu 30 m hohen Kalksteinwänden bietet auch der Park selbst interessierte Blickwinkel. Die Installationen der Soester Künstlerin Renate Geschke zeigen unter dem Thema "Mythos Stein" in beeindruckender Größe und Formensprache die Ausdrucksstärke des heimischen Kalksteins.

Typische Vegetation im Themenpark
Themenpark "Mythos Stein" der Firma Dyckerhoff GmbH (Foto: M. Raker)

"Mythos Stein" - ein Steinbruchpark in Geseke

Text: Manfred Raker für den Heimatkalender "Steinreicher Kreis Soest" des Kreises Soest 2020

Durchschreitet man am Schneidweg in Geseke über einen kleinen Parkplatz das stets geöffnete Tor zum Steinbruchpark "Mythos Stein", so öffnet sich ein eindrucksvoller Ausblick auf eine weite Abbaulandschaft und bei guter Sicht auf große Teile des südlichen Münsterlandes. Dann sind auch die über 40 Kilometer entfernten Anlagen des Kraftwerkes in Hamm-Uentrop, oder die Beckumer Berge mit ihren Zementwerks-Schloten gut zu erkennen. Die gute Fernsicht ist geologisch bedingt. In jüngster erdgeschichtlicher Zeit kam es zu einer Absenkung des Münsterländer Beckens bei gleichzeitiger Anhebung der Ränder. Der Haarstrang als Südteil der Hellwegbörde erhebt sich dabei deutlich über das Münsterland.

Dieser Eingang weist auch gleich den Grund für die Entwicklung eines Steinbruchs an dieser Stelle aus. Der Besucher betritt eine felsige Fläche aus Pläner-Kalkstein, der hier vor ca. 88 Millionen Jahren als Ablagerung eines kreidezeitlichen Meeres entstanden ist. An dieser Stelle hat sich davon eine Schicht von etwa 250 m Mächtigkeit erhalten, denn die ursprünglich weitaus mächtigeren Ablagerungen des Oberkreide-Meeres wurden in den letzten 70 Millionen Jahren weiträumig durch Erosion abgetragen. In unserer Region sind die Ablagerungen daher bis auf den Bereich des Münsterlandes wieder verschwunden. Für einen industriellen Abbau des Gesteins als Rohstoff für die Zementindustrie eignen sich nur dessen Randbereiche. Daher finden wir Pläner-Kalksteinbrüche am Südrand (Haarstrang) in Geseke, Erwitte und Paderborn, am Nordrand (Teutoburger Wald) in Lengerich sowie als Insel im Bereich der Stadt Beckum.

Im Süden von Geseke werden die Pläner-Kalksteine von wenigen Dezimetern Kalk-Verwitterungsböden mit Lössanteilen überdeckt. Diese Böden haben sich nach der letzten Eiszeit vor ca. 10.000 Jahren gebildet. Im Randbereich des Steinbruchs ist noch ihre ursprüngliche Mächtigkeit von ca. 50 cm gut zu erkennen. Ideale Voraussetzungen für eine Abgrabung an dieser Stelle, denn die Zementproduzenten müssen nur die dünne Bodenschicht entfernen, um an den begehrten Rohstoff zu gelangen.

In Geseke begann man bereits im Mittelalter im sogenannten Feldbrand-Verfahren Kalk zu brennen. "Der entscheidende Durchbruch kam jedoch erst nach der Gründung des Kaiserreiches (1871), als bei gleichzeitig fortschreitender Industrialisierung, ein Bauboom einsetzte. In den folgenden Jahren entstanden mehr als ein Dutzend Brennereien, die in einfachen Öfen Kalk herstellten. Langsam entwickelten sich einige herkömmliche Kalkbrennereien zu kleineren Industriebetrieben, die mit Ringöfen einen größeren Ausstoß erreichen konnten?.Neue Dimensionen nahm dieser Industriezweig nach 1900 an, als mit "Meteor" die erste Portlandzementfabrik in Geseke eingeweiht wurde. Das Werk lag in der Nähe des Bahnhofs, was die Lieferung von Kohle aus dem Ruhrgebiet, die als Brennstoff Holz und Holzkohle abgelöste hatte, erleichterte und für den Versand der Ware vorteilhaft war. Das Rohmaterial wurde durch eine Kleinbahn aus dem Steinbruch südlich der Stadt ("Lehmloch") herbeigeschafft. Neue Expansionsmöglichkeiten schuf der Bau der Bahnlinie nach Büren, die 1900 eröffnet wurde." (Die Geseker Kalk- und Zementindustrie, 1989).

In der Folge wurden Werke wie "Monopol", "Viktoria Luise", "Westfalia", "Merkur" oder "Kohle" gegründet. 1927 folgte dann die Gründung der "Fortuna Zementwerke GmbH" am Schneidweg in Geseke. Die Produktion lief jedoch nur bis 1932. Wegen Überkapazitäten am Markt wurde das Werk stillgelegt. 1938, die Nazi-Bau- und Rüstungsindustrie lief auf vollen Touren, wurden wieder große Mengen an Zement gebraucht. Die ehemaligen Eigentümer setzten die Produktion fort. 1969 übernahm die Firma Dyckerhoff AG aus Wiesbaden das Werk "Fortuna" und später auch den Nachbarbetrieb "Kohle". Ab 1980 konzentrierte man sich auf den Standort "Fortuna" und baute diesen stark aus. Die bereits 1864 gegründete Dyckerhoff AG wurde ab 2001 von der italienischen Buzzi-Unicem-Gruppe, mit Sitz in Mailand, übernommen. Mit ihren Zement- und Mahlwerken und Transportbetonwerken in Deutschland, Niederlande, Luxemburg, Tschechien, Polen, Ukraine und Russland gehört der Unternehmensverbund zu den Global-Playern.

Das Unternehmen hat den Steinbruch im Jahr 2008 der Öffentlichkeit ein Teilareal von ca. 7 Hektar zugänglich gemacht. Hierzu wurde in die aufgeschüttete Böschung eine ca. 700 m lange Zugangsrampe eingebaut, die durch ihre flache Neigung auch für Besucher mit Handicap geeignet ist. Für die Region ist es der erste, öffentlich zugängliche größere Kalksteinbruch. Landesweit einzigartig dürfte die, wenn auch auf einen Teilbereich beschränkte, ungehinderte Zugangsmöglichkeit in einen aktiven Steinbruch sein. Neben den direkt zu beobachtenden Aktivtäten im Steinbruch bieten eine Reihe von Info-Tafeln Kurzinformationen an.

Gleich nach der ersten Kehre führt der Weg an einem Anschnitt der ehemaligen Steinbruchkante vorbei. Deutlich ist die Gesteinsentstehung aus ehemaligen Meeresablagerungen zu erkennen. Es wechseln sich in rascher Folge helle, stärker kalkhaltige mit dunkleren, stärker mergelhaltigen Schichten ab. Der Kalkanteil stammt zum einen aus den Schalen-Resten der ehemaligen Meeresbewohner, die sich mit etwas Glück auch heute noch in Form von fossilen Muschel-, Seeigel- oder Ammoniten-Abdrücken finden lassen. Die Firma hat hierfür im unteren Teil des Parks extra einen "Klopfhaufen" eingerichtet. Den weitaus größeren Anteil an dem Sediment haben jedoch die Schalen mikroskopisch kleiner Planktonwesen, wie Kalkalgen und Kalkschwämme beigetragen.

Die Wechsellagerung aus Kalkmergel (bis 65 % Kalk, 35 % Ton) und Mergelkalk (bis 75 % Kalk, 25 % Ton) und das Verhältnis beider zueinander ist wesentlich für die Produktion von Portland-Zement. In Geseke ist dieses Verhältnis für die oberen 30 bis 40 Meter der Ablagerungen ideal, so das das Material aus dem Steinbruch vollständig in die Zementproduktion eingeht.

Nach der 2. Kehre des Weges hat man einen schönen Blick auf den Steinbruchsee. Es handelt sich um die Ansammlung von Grundwasser, dessen Austritt hier mit der speziellen Hydrogeologie des Haarstranges zusammenhängt. Der stark verkarstete Untergrund mit seinem klüftigen Mergel-Kalkstein und der teilweise sehr geringen Bodenauflage führt am Südrand der Hellwegbörde zu einem schnellen Versickern der Niederschläge in tiefere Gesteinsschichten. Fließende und stehende Gewässer sind die große Ausnahme. Das Grundwasser erfüllt die Hohlräume im Gestein und fließt mit teilweise sehr hohen Geschwindigkeiten von bis zu 1000 m/Stunde nach Norden. Im Übergangsbereich zum Münsterland tritt es als sogenannter Quellhorizont an vielen Stellen als Karstquellen aus. So liegen Orte mit Quellen, wie Paderborn, Salzkotten, Geseke, Soest oder Unna wie Perlen an einer Schnur aufgereiht in diesem Bereich. Geseke weist über 60 dieser Quellen auf, die schon in vorgeschichtlicher Zeit Grundlage für eine Besiedlung des Hellwegraumes waren.

Zum Schutz des Grundwassers (und in Geseke bis 1983 auch des Trinkwassers) wurden Abgrabungen der Zementwerke nur bis in eine Tiefe von maximal 2 m über den höchsten Grundwasserständen genehmigt. Daher ist die Sohle des Steinbruchparks nie von austretendem Grundwasser überdeckt. Im Jahr 2008 erwirkte die Fa. Dyckerhoff eine Erweiterung ihrer vorhandenen Abgrabungsgenehmigung durch eine zusätzliche Vertiefung um bis zu 30 m. Dadurch wird in den nächsten Jahren ein etwa 30 Hektar großer Grundwasser-See entstehen, dessen Beginn man im Zentrum der Fläche bereits beobachten kann. Naturschutzverbände und besorgte Bürger befürchten eine nachhaltige Beeinflussung der Grundwasserströme und damit u.a. ein Versiegen der Quellen des Störmeder Baches. Ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht konnte die Planungen aber nicht stoppen.

Betritt man am Ende der Zugangsrampe die Sohle des Steinbruchs, so breitet sich dort eine weite, durch kleine Spazierwege durchzogene Wiesenlandschaft aus. Gebüsche an den Steinbruchrändern und kleine Gehölzinseln gliedern die Fläche. Auffällig sind 10 Arbeiten der Soester Bildhauerin Renate Geschke, die hier im Jahr 2000 zusammen mit Dyckerhoff einen Skulpturenpark unter dem Titel "Mythos Stein" gestaltet hat. Thematisch geht es um das Archaische im Menschen und die Suche nach Schutz und Geborgenheit. Vorlage sind die bronzezeitlichen Megalith-Kulturen. Alle Installationen sind mit einer kleinen Texttafel beschrieben.

Die Steinbruchsohle wurde in den 1990?er Jahren gemäß der damaligen Rekultivierungsphilosophie mit ca. 30 cm lehmigen Oberboden abgedeckt und anschließend mit einer Saatgutmischung angesät. Das verwendete Material hat sich leider nicht an der örtlichen Flora orientiert. Daher sind im Naturraum nicht vorkommende Arten, wie Österreichischer Lein, Karthäusernelke, Wundklee, Akelei und Garten- sowie Wiesensalbei "angesalbt" worden, die die Fläche im Frühjahr in ein blaues Meer verwandeln. Gleichzeitig konnten aber aus den Nachbarflächen zahlreiche Vertreter der Kalkmagerrasen-Vegetation in die Fläche einwandern, so dass sich inzwischen eine große Artenvielfalt mit über 250 Pflanzenarten, darunter zahlreichen gefährdeten Arten, eingestellt hat. Mit ihren großflächigen Magerwiesen und vielen Kleinstrukturen, wie flachen Gewässern, Schuttkegeln, wärmeliebenden Gebüschen oder Felswänden ist die Fläche eine für den Artenschutz sehr wertvolle Fläche geworden.

Die vielfältige Struktur ist von hoher Bedeutung für Reptilien und Amphibien. So kommen Waldeidechse und Blindschleiche vor, bei den Amphibien sind es die Arten Kreuzkröte, Geburtshelferkröte und Kammmolch. Die offenen, blütenreichen Magerrasenflächen stellen einen guten Lebensraum für den Neuntöter dar. Auch andere bemerkenswerte Vogelarten wie Nachtigall, Feldschwirl und Klappergrasmücke sind nachgewiesen. Die Steilwände im Norden und Westen sind Brutplätze von Uhu und Turteltaube.

Die gesamte Parkfläche wird durch die Naturschutz-Stiftung Geseke gepflegt. Nach einer gründlichen Entbuschung im Jahr 2012 wurden Freiflächen wieder hergestellt und werden nun jährlich Juli oder August von einer Schaf- und Ziegenherde beweidet.

Geseke erhielt mit "Mythos Stein" einen attraktiven, stadtnahen Park. Er ist inzwischen Teil eines Folgenutzungskonzeptes für die Abgrabungslandschaft in Geseke, in der sich Stadt, Zementwerke, Verbände und Behörden auf eine Nutzung der Steinbrüche nach Beendigung des Abbaus verständigten.

Quellen:
Die Geseker Kalk und Zementindustrie, Beiträge zur Geschichte der Stadt Geseke, Bd. II (1989), Hrsg.: Städtisches Hellwegmuseum/ Verein für Heimatkunde Geseke e.V., Geseke

Skupin, K. (1985), Geologische Karte von Nordrhein-Westfalen 1:25.000, Erläuterungen zum Blatt 4317, Geseke - Geologisches Landesamt, Krefeld

Dyckerhoff Werk Geseke (2013), Infobroschüre Werk Geseke, http://www.dyckerhoff.com/online/de/Home/Regionen/Deutschland/WerkstandorteZement/ Geseke/documento238.html

Nachhaltige Entwicklung und Abgrabungen (2006), Hrsg.: Natur- und Umweltschutz-Akademie des Landes Nordrhein-Westfalen (NUA), Recklinghausen

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